Drei Ursachen sind es normalerweise, welche bei der Entstehung der muskulären Amnesie eine Rolle spielen.

1. Körperliche Traumen (Unfall, Verletzung, Knochenbruch, Gelenkluxation usw.)
2. Emotionale Umstände (Angst, Schreck, Sorge usw.)
3. Inaktivität (Bewegungslosigkeit durch Alter, Krankheit usw.)

Alle diese 3 Ursachen können sich auf die Verbindung Muskel – Gehirn auswirken.

Um dies besser verstehen zu können, müssen wir uns wieder ein wenig mit unserem Gehirn beschäftigen.

Die Anpassung des Gehirns Alles, was uns in unserem Leben widerfährt, wirkt sich direkt auf unser gesamtes Nervensystem aus. Unser Gehirn ist ständig mit Anpassung beschäftigt und reagiert auf alle eintretenden Ereignisse um sich ihnen anzupassen. Wenn wir ein Leben voller Angst, Sorge und Kummer führen passt sich unser Gehirn an.
Wenn wir oft bedrohlichen Situationen wie Schreck, Schock, Unfällen oder gar schweren Krankheiten und Operationen ausgesetzt sind, so passt sich unser Gehirn an. Im Umkehrschluss passt sich das Gehirn natürlich auch an ein Leben an, das von Harmonie, Zufriedenheit und Zuversicht geprägt ist.
Dieses Anpassungssystem ist natürlich ein sehr altes Programm. Es entstand in „grauer Vorzeit“ in den Gehirnen unserer Vorfahren, den Primaten, und wurde entwickelt um deren Über- und Weiterleben zu garantieren. Beispiele für die Muskuläre Amnesie! Wie ist dies nun auf unseren Alltag übertragbar?

Punkt 1: Traumatische Ursachen: Wenn wir uns beispielsweise am Bein verletzen (Bänderriss, Verstauchung, Knochenbruch), wird unser Gehirn versuchen, durch Anpassung dies auszugleichen, indem es die Muskulatur der anderen Körperseite zur Kompensation der Verletzung einsetzt. Dies macht sehr viel Sinn, da wir bei einer potentiellen Gefahr noch fliehen können (denken wir an die graue Vorzeit), aber auch um die verletzten Gliedmassen zu entlasten - was eine schnellere Heilung bedeutet. Dauert die Entlastung des verletzten Beines und dadurch die Überlastung der gesunden Körperseite länger an, so wirkt sich dies schädigend auf die vormals gesunde Körperseite aus, da die einst nur stabilisierenden Muskeln mit der Zeit ihren Tonus (Spannung) nicht mehr abstellen und so dauerhaft angespannt bleiben. Hierdurch stellen sich hier mit der Zeit Störungen im Muskelstoffwechsel ein, was zu schmerzhaften Zuständen führt. Das Gehirn hat es verlernt, den Muskel wieder auf einen normalen Tonus zurückzuführen. Dies nennt man muskuläre Amnesie.

Ein weiteres Beispiel:
Punkt 2: Emotionale Ursachen: Wenn ein Mensch über längere Zeit Angst und Sorge ausgeliefert ist, so wird sich sein Körperbild mit der Zeit dahingehend verändern, dass er gebückt, nach vorne gebeugt und mit hängenden Schultern steht und geht. Es ist ihm mit der Zeit nicht mehr möglich, sich aufzurichten, da die Muskeln im Brust und Bauchbereich sich verkürzt haben und ihn nach vorne unten halten. Auch hier haben die Muskeln – beziehungsweise das Gehirn - vergessen sich in ihre ursprüngliche Lage zu verlängern.

Punkt 3: Inaktivität: Wenn ein Mensch sich immer weniger bewegt (ob aus Faulheit, Angst, Krankheit, Alter usw.), werden seine Muskeln immer mehr verkümmern und sich verkürzen, so dass sie nicht mehr die von ihnen geforderte Arbeit verrichten können und in der Folge davon den Menschen noch bewegungsunfähiger werden lassen. Hier ist es auch an der Zeit, einen Mythos zu hinterfragen, der uns vermittelt, dass kranke und alte Menschen sich schonen und wenig bewegen sollen. Genau das Gegenteil ist der Fall.
Natürlich ist es wichtig, während und nach schwerer Krankheit den Körper zu schonen und durch Ruhe wieder zu Kräften kommen zu lassen. Aber sobald die schwerste Zeit überstanden ist, sollten wir wieder versuchen zu einer gesunden Mobilität zu gelangen. Nur körperliche Bewegung und geistige Aktivität gestatten es uns, ein langes, gesundes und erfülltes Leben zu leben. Die Rückgewinnung der körperlichen Aktivität ist übrigens das wichtigste Ziel, das meine älteren Patienten zu Beginn der Therapie äußern, dies bedeutet für sie auch die Rückkehr in ein aktives Leben – das Gegenteil von Resignation. Ich kann an dieser Stelle auf jeden Fall betonen, dass die meisten alten, gesunden Menschen die ich kenne, ihre Lebensqualität durch körperliche und geistige Aktivität erhalten haben.

Zeit zum Umdenken!
Obwohl die Hirnforschung schon seit längerem bestätigt hat, dass auch bis in das hohe Alter die Erneuerung von Nervenzellen stattfindet (bis vor kurzem ging man vom Gegenteil aus), hat diese Erkenntnis ihren Platz noch nicht wirklich in der modernen Orthopädie erhalten. Vielmehr werden Phänomene schmerzhafter Bewegungseinschränkungen meist durch den Alterungsprozess erklärt.
Aussagen wie: „Damit müssen Sie jetzt leben“ oder „Wir werden alle nicht jünger, lassen Sie es halt ruhiger angehen“ zeigen, dass das System der Störung noch nicht verstanden wurde. Das Nachlassen unser Kräfte und die Einbuße unserer Fähigkeiten haben häufig nichts mit dem Alter zu tun, sondern sind eine Folge davon, dass wir uns falsch bewegen, unsere Aktivitäten reduzieren oder gar aufgeben. Hier beginnt dann ein Teufelskreis, der oft in chronischen Schmerzen und Bewegungslosigkeit endet. Dabei möchte ich an dieser Stelle ganz klar zum Ausdruck bringen, dass die muskuläre Amnesie in jedem Fall wieder umkehrbar- oder zu beseitigen ist. Die Lösung dieser Probleme ist im Grunde genommen einfach. Wir Sie oben erfahren haben, ist der Auslöser dieser Prozesse häufig eine muskuläre Amnesie – also eine Störung der neuralen (den Nerv betreffenden) Verbindung zwischen Gehirn und Muskel.
Die größte Rolle bei diesem Prozess spielen bestimmte Muskeln der vorderen und der hinteren Körperseite, vor allem im Rumpf und Beckenbereich. Diese Muskeln haben verlernt bzw. vergessen sich nach der Anspannung wieder in ihre natürliche Länge zu entspannen. Es gilt die Kommunikation, bzw. den Transfer zwischen diesen beiden Organen wieder herzustellen.
Thomas Hanna nennt das Zustandekommen der Störung im vorderen Bereich des Körpers den „Stop-Reflex“ und den Vorgang im hinteren Bereich des Körpers den Start-Reflex! Was es mit diesen beiden „Reflexen“ auf sich hat und wie dies therapeutisch eingesetzt wird erläutere ich in meinem nächsten Artikel.

Götz Schultheiß

Verwendete Literatur:
Beweglich sein ein Leben Lang / Thomas Hanna

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