Der Stop-Reflex

Dieser Artikel befasst sich mit dem so genannten Stop-Reflex.

Meiner Ansicht nach ist dieser für unser Überleben eigentlich sehr wichtige Reflex hauptsächlich dafür verantwortlich, dass es überhaupt zu Beschwerden des Bewegungsapparates und der inneren Organe kommen kann.

Im letzten Artikel habe ich von der Notwendigkeit der ständigen Anpassung berichtet, mit der der menschliche (und natürlich auch der tierische) Organismus sich auf die jeweiligen Anforderungen des Lebens einstellt, um so sein Überleben zu sichern. Ein wichtiger Faktor ist dabei das Einsetzen des Stop-Reflexes, welcher einem alten Verhaltensprogramm im Gehirn unterworfen ist. Dieses Verhaltensmuster startet aus einem sehr alten Gehirnareal und ist nicht unserer bewussten, willkürlichen Kontrolle untergeordnet. Und das ist auch gut so, da dieses Programm so viel schneller reagieren kann, als wir es bewusst tun könnten.

Hierzu ein Beispiel: Wenn eine Person, die eine Straße entlang geht, plötzlich die Explosion einer Fehlzündung oder den Knall durch das Durchbrechen der Schallmauer eines Düsenjägers hört und dadurch erschreckt, so passiert Folgendes:
Innerhalb von 14 Tausendstel Sekunden fangen ihre Kiefermuskeln an, sich zusammenzuziehen; unmittelbar danach, etwa 20 Tausendstel Sekunden später, folgt ein Zusammenziehen von Augen und Stirn. Aber noch bevor ihre Augen ganz zusammengekniffen sind, erhalten Schulter- und Nackenmuskeln (der Trapeziusmuskel) bei 25 Tausendstel Sekunden einen Nervenimpuls zum Zusammenziehen, der ihre Schultern anhebt und ihren Kopf nach vorne bringt. Bei 60 Tausendstel Sekunden beugen sich ihre Ellbogen, ihre Hände drehen sich mit ihren Handflächen nach unten. Diese absteigenden Nervenimpulse spannen den Bauchmuskel weiter an, wodurch ihr Rumpf nach vorn gebracht und gleichzeitig der Brustkorb nach unten gezogen und die Atmung angehalten wird. Und sofort danach beugen sich ihre Knie und drehen sich nach innen, während die Fußgelenke die Füße nach innen rollen. Die Muskeln der Schenkelinnenseiten verengen und die Zehen heben sich.

Zu einer solchen Reaktion wäre niemand – selbst im ausgeschlafensten Zustand – bewusst in der Lage!

Notwendigkeit des Stopreflexes

Dieser Reaktionsablauf aber macht den Stopreflex (Rückzugsreflex) aus. Er bringt den Menschen in eine Position in der er sich bestmöglich vor einer potentiellen Gefahr schützen kann. Wie gesagt, ein sehr altes Programm.

Aber, so wichtig solch alte Programme in bedrohlicher Frühzeit auch waren, übertragen auf unsere moderne Zeit mit ihren veränderten Anforderungen, wirken sie sich mitunter sehr zum Schaden der Betroffenen aus. Mussten wir uns damals gegen feindliche Angreifer, Säbelzahntiger u. Co. behaupten, so sind die heutigen Bedrohungen eher andersartig:
Ungerechte Chefs, überzogene Geldkonten, potentielle Kündigungen, uneinsichtige Beziehungspartner usw. sind Bedrohungen, bei denen uns die Reaktion des Stop-Reflexes wenig hilft.
Jedes Mal aber, wenn wir einer „Bedrohung“ ausgesetzt sind reagiert unser altes Programm und wirkt sich wie oben beschrieben auf unseren Körper und vor allem auf unsere Muskeln aus.

Betrachten Sie einmal Menschen, von denen Sie wissen, dass Angst und Unsicherheit häufige Begleiter ihres Lebens waren oder noch sind. Am deutlichsten fallen einem die Partie um Schulter und Nacken auf: Durch die Angst werden die Nackenmuskeln in Spannung versetzt, das Gesicht nach vorne geschoben, was wiederum die Muskeln um die untere Halswirbelsäule herum dazu veranlasst, den nach vorn geschobenen Kopf zu stützen und eine starke Anspannung dieser Muskeln zur Folge hat. Geschieht dies häufiger, so bildet sich eine Art Stiernacken. Die Schultern werden ebenfalls durch Trapez- und Brustmuskel ständig nach vorne- oben gezogen, was die Körperkrümmung nach vorne weiter forciert.

Aber auch die gerade Bauchmuskulatur trägt durch ihre Anspannung und dadurch Verkürzung zur Krümmung bei, so dass wir den typischen gramgebeugten alten Menschen vor uns sehen. Hier wird deutlich, dass die obengenannte körperliche Veränderung eines Menschen also nichts mit dem Alter zu tun hat, sondern die Folge der ständigen Anpassung auf negative Anforderungen des Lebens (Distress) ist. Und je länger diese andauern umso nachhaltiger zeigen sich die Auswirkungen des Stop-Reflexes.

Veränderung der körperlichen Haltung 

Betrachten wir uns die körperlichen Auswirkungen auf diese „Veränderung“ einmal genauer.

Ein Mensch, der durch seine gespeicherten Reaktionmuster auf oben beschriebenen Distress seine Körperhaltung verändert, wird durch diese veränderte Statik auf die Dauer seine Gelenke falsch belasten, was sich sehr deutlich in den unteren Gliedmaßen bemerkbar macht. Der Gang findet dann meist mit leicht gebeugten Knien statt, so dass die gewichtsausgleichende Funktion des Knies verloren geht. Dies wiederum belastet die Oberschenkelmuskulatur und führt zu Entzündungen und Schmerzen in dieser. Auch werden die Kreuzbänder übermäßig strapaziert, was ebenfalls zu chronischen Schmerzen und Entzündungen führt. Oft wird dann eine Operation erwogen, welche die eigentliche Störung ja in keiner Weise korrigiert.
Viel wichtiger wäre es doch, die den Muskeln verlorengegangene Bewegungsfähigkeit wieder zu aktivieren, um so die korrekte Statik des Bewegungsapparates wieder herzustellen.
Dass dies funktioniert, bestätigt sich bei mir täglich in der Praxis am Patienten. Organische Störungen: Aber nicht nur am Bewegungsapparat wirken sich die Folgen des Distress’ – und somit der muskulären Amnesie aus. Die veränderte Muskulatur des Stop–Reflexes führt im weiteren Verlauf auch zu Störungen der Organfunktionen. Ein chronisch kontrahierter Bauchmuskel beispielsweise wirkt sich in seiner Kompression auf die Funktion des Zwerchfells aus, welches in diesem komprimierten Zustand seine nötige Auf- und Abwärtsbewegung nicht mehr gewährleisten kann. Dies wirkt sich störend auf die Atemfunktion aus. Da aber die Atmung mit dem Herz-Kreislauf System in direkter Verbindung besteht, wird sich dieser Zustand natürlich auch darauf ausweiten. Ist die betreffende Bauchmuskulatur entspannt, so besteht die folgende Herzfunktion: niedrige Herzfrequenz niedriges Herzvolumen niedriger systolischer Blutdruck (oberer Wert des Blutdrucks) der entspannende Teil des vegetativen Nervensystems ist aktiv langsame Atmung bedeutet langsamen Herzschlag Dies wäre der Idealzustand.

Wenn dies allerdings nicht der Fall ist und das Zwerchfell sich nicht frei bewegen kann, so muss dass Herz gegen einen größeren Widerstand pumpen was langfristig zu einer Überlastung der Blutgefäße führt und in der Konsequenz zu Bluthochdruck führen kann.

Die Bedeutung des 5. Punktes besagt übrigens nichts anderes, als dass die Herzfrequenz (Geschwindigkeit des Herzschlages) von der Atemqualität und der Atemfrequenz abhängt. Geschieht dies in ausreichendem Maße, so wirken sich die sich ständig verändernden Druckverhältnisse in den Blutgefäßen positiv auf die inneren Auskleidungen eben jener Blutgefäße (Herzkranzgefäße) aus und bleiben geschmeidig. Geschieht dies nicht, kommt es zu gestörtem Blutfluss in den Herzkranzgefäßen, was wiederum Arteriosklerose verursachen kann.

In der kardiologischen Abteilung des St. Paul Hospitals in Minneapolis wurden 153 Herzpatienten daraufhin untersucht, ob sie eher zu Zwerchfell- oder Brustatmung neigten. Die Ergebnisse dieser Erhebung waren vernichtend: Jeder einzelne der 153 untersuchten Patienten hatte eine Brustatmung. Leider werden solche Überlegung selten in die Ergründung von Krankheitsentstehung einbezogen und oben genannte Störungen weiterhin oft nur symptomatisch betrachtet.

Man kann sich für die Zukunft nur wünschen, dass die Zusammenhänge im „Netzwerk Mensch“ viel häufiger zum Gegenstand der Betrachtung werden um zu wirklicher Gesundheit zu gelangen.

Thomas Hanna hat uns mit seinen Erkenntnissen und vor allem seiner somatischen Körperarbeit ermöglicht, solche oben beschriebenen Prozesse zu erkennen und vor allem rückgängig zu machen. Hierbei ist der Patient aber nicht nur auf die Hilfe eines Therapeuten angewiesen, sondern er hat die Möglichkeit im weiteren Verlauf mit Hilfe eines Übungsprogramms selbst Hand an seine gesundheitliche Wiederherstellung zu legen.

In meiner täglichen Praxisarbeit bewährt sich dieses System seit Jahren sehr gut.

Götz Schultheiß

Verwendete Literatur:
Beweglich sein ein Leben lang / Thomas Hanna

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