Wie alles begann

Vor ca. zehn Jahren kam ein älterer Herr zu mir in die Praxis, der über sehr starke Rückenschmerzen in der Lendenwirbelsäule klagte. Nach 2-3 Behandlungen ging es ihm besser. Als wir uns nach der letzten Behandlung voneinander verabschiedeten, fragte er mich beiläufig, ob ich schon mal was von Thomas Hanna gehört hätte.
Ich verneinte die Frage, konnte von dem Patienten aber auch nicht mehr darüber erfahren.

Ich muss nun erwähnen, dass Hinweise von Patienten mir schon oft zu neuen Impulsen für meine Praxisarbeit verholfen haben. Da ich aber solche Anregungen sehr häufig höre, kann ich natürlich nicht allen nachgehen.

Aus irgendeinem Grund aber spürte ich schon bei dem Gespräch mit dem Patienten, dass dieser Tom Hanna mich weiter beschäftigen sollte. Ich recherchierte und kam bald an ein Buch, das er geschrieben hatte. Ich war sofort von seiner Arbeit begeistert.

Über das Buch stieß ich auf Beate Hagen, die einzige Therapeutin Deutschlands, die bei Tom Hanna selbst gelernt hatte und fuhr dann prompt zu Ihr nach München, wo sie praktiziert. 
Begeistert von den Eindrücken hatte ich sofort den Wunsch, diese Arbeit zu lernen, musste aber noch fast ein Jahr warten, bis ich die Ausbildung bei Beate Hagen in München beginnen konnte.

Inzwischen wende ich die somatische Körperarbeit seit ca. 8 Jahren an und halte sie für eine sehr beeindruckende und wirkungsvolle Therapie.

Ich würde mich freuen, durch meine Ausführungen etwas von meiner Begeisterung über diese Körpertherapie auf Sie übertragen zu können.

Die somatische Erziehung des Bewegungsapparates nach Thomas Hanna (Somatic Education)

Ein Mann, Ende Dreißig, kommt zu mir in die Praxis. Er schildert mir starke Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule, ziehende Schmerzen im Gesäß und an der Rückseite des Oberschenkels entlang abwärts (Ischialgie). Bei der genauen Betrachtung des Patienten fällt auf, dass er stark im Hohlkreuz steht und von der Brustwirbelsäule an abwärts bis zu den Oberschenkeln eine stark verspannte Muskulatur hat. Während dem Anamnesegespräch stellt sich heraus, dass der Patient  beruflich selbstständig ist und seit ca. 5 Jahren eine Firma leitet und immer wieder schwierige Situationen zu bewältigen hat, da der Konkurrenzkampf in seiner Branche ständig zunimmt. Auch schildert er, dass sich mittlerweile vegetative Symptome wie Schlafstörungen und allgemeine Erschöpfungszustände einstellen. Eigentlich macht er seine Arbeit sehr gerne und seine Firma liegt ihm sehr am Herzen wie er schildert, in letzter Zeit allerdings hat er das Gefühl, den Anforderungen des Betriebes nicht mehr gerecht werden zu können.

Eine Patientin, Ende Fünfzig, stellt sich mit folgenden Beschwerden bei mir in der Praxis vor: Ständig starke Schmerzen in der Bauch – und Brustmuskulatur. Schon beim Eintritt in mein Behandlungszimmer fällt die stark vorgebeugte Haltung der Patientin auf. Die Beschwerden sind so intensiv, dass die Patientin sich auch unter größter Mühe nicht aufrichten kann. Natürlich läuten bei solch einem Anblick jedem Therapeuten die Alarmglocken in Bezug auf internistische Notfälle, jedoch hat die Patientin mir schon am Telefon versichert, dass von Seiten der inneren Medizin keine auffälligen Befunde bestehen. Bei der Untersuchung der Patientin fällt auf, dass der ganze vordere Rumpfbereich, vom Hals bis zu den Leisten unter starker Spannung steht und den Oberkörper der Patientin in diese nach vorne gekrümmte Haltung zieht. Sie schildert mir des Weiteren, dass sie unter häufigem Herzstolpern, Kurzatmigkeit, Hämorrhoiden, chron. Stuhlverstopfung und ständiger Erschöpfung leidet. Wie gesagt, alle internistischen Untersuchungen wurden ergebnislos mehrfach durchgeführt. Vor ca. 5 ½ Jahren begann dieser Zustand und wird seitdem immer schlimmer. Bei genauer Befragung schildert die Patientin großen Kummer im privaten Bereich. Seit ca. 7 Jahren ist ihr Mann schwer herzkrank und sie schildert große Angst um die angeschlagene Gesundheit ihres Mannes.  Aber auch um ihre Tochter macht sie sich große Sorgen, da diese seit ca. 4 Jahren geschieden ist und große Probleme mit der Erziehung ihrer Kinder hat und auch finanziell auf ihre Eltern angewiesen ist. „Mein Leben ist gezeichnet von Kummer, Sorgen und Angst“, schildert die Patientin mir freizügig. „Wie kann es mir da gut gehen“?

Wie funktioniert die Muskulatur? ...

Nun, was haben diese beiden Fälle wohl gemeinsam?  Beide Patienten sind emotional und psychisch in einer schwierigen Situation und benötigen in diesem Bereich Hilfe und Unterstützung. Eben diese emotionale Schieflage führte aber auch zu den beschriebenen körperlichen Symptomen, auf deren Entstehung und Behandlung ich im folgenden eingehen möchte. Auf der körperlichen Ebene leiden beide Patienten unter einem sehr starken Muskeltonus. Patient Nr.1 hat einen sehr verspannten Rücken und die vom Kummer geplagte Patientin Nr.2  hat eine verkürzte und verkrampfte Bauch und Brustmuskulatur. Um dieses Phänomen besser zu verstehen müssen wir uns nun zuerst einmal mit Muskelbewegung als solcher beschäftigen.  Zwei Arten von Muskeln befinden sich in unserem Organismus. Da gibt es die glatte und die quergestreifte Muskulatur. Ihre Namen basieren auf der jeweiligen Anordnung des Muskelgewebes, das entweder glatt oder wie quergestreift aufgebaut ist. Aus der glatten Muskulatur bestehen die Hohlorgane, Blut und Lymphgefäße unseres Körpers. Sie werden vom vegetativen Nervensystem gesteuert und unterliegen nicht unserer willkürlichen Kontrolle.  Anders die quergestreifte Muskulatur. Aus Ihr besteht unsere komplette Skelettmuskulatur durch sie werden alle unsere willkürlichen Bewegungen ausgeführt. Sie untersteht also unserer Kontrolle. Sobald wir willentlich eine Bewegung ausführen wollen, werden die dafür nötigen  Muskeln durch einen nervalen und chemischen Reiz zur Kontraktion (Verkürzung) gebracht. Ist die Bewegung beendet, so gleitet der Muskel wieder in seine normale Länge auseinander. 

... Und wie das Gehirn?

Um eine Bewegung richtig auszuführen sind wir aber auf zwei sehr wichtige Funktionen angewiesen.

Da ist einerseits die sensorische (wahrnehmende) Funktion, durch die das Gehirn alle Informationen über Lage, Temperatur, Tonus  usw. erhält. Sie wird über afferente Nervenbahnen über das Rückenmark aufwärts zum sensorischen Feld der Zentralfurche des Gehirns geleitet.
Hier werden dann die jeweiligen Sinneseindrücke verwertet um dann regulierend über andere efferente, abwärstverlaufende, motorische Nervenbahnen die Muskelbewegung auszuführen. Diese beiden Systeme, welche genaugenommen ein einziges System der Rückkopplung sind, stehen also in ständigem Kontakt zueinander um eine Bewegung der Skelettmuskulatur durchzuführen. Bei einer einzigen kleinen Bewegung flitzen über diese „Nervenautobahnen“ also ständig tausende von Informationen hin und her.
Die einfache Aktivität zum Greifen des Kugelschreibers beispielsweise beinhaltet also ein kompliziertes sich ständig korrigierendes System, bis die Bewegung abgeschlossen ist. Wenn dieses Rückkopplungssystem nicht die Bewegung kontrollieren würde, würden Sie wahrscheinlich mehrere Versuche zum Greifen des Kulis brauchen, ihn fallen lassen, abbrechen oder vielleicht auch gar nicht erst erreichen. Und dieser ganze Vorgang geschieht normalerweise, ohne dass Sie ihm Aufmerksamkeit schenken müssen. Jede Muskelkontraktion setzt also eine vorherige sensorische Information an das Gehirn aus um den Muskel angemessen, also nicht zu stark und nicht zu schwach zu aktivieren.

Also: Keine Motorik ohne Sensorik!!! Dies ist vor allem dann wichtig, wenn die Bewegung erfolgreich abgeschlossen ist. Ist dies der Fall, so sollte der Muskel wieder völlig entspannen Und genau hier liegt das Problem unserer obengenannten Schmerzpatienten.
Hier haben die jeweiligen Muskelgruppen der Patienten verlernt sich dem Rhythmus von Anspannung und Entspannung anzupassen. Genaugenommen hat das Gehirn dies verlernt und vergessen. Da zu wenig sensorische Informationen an die Zentralfurche des Gehirns gelangen, kann dieses den motorischen Muskelreiz nicht mehr angemessen gewährleisten. So entsteht meist ein zu starker Reiz, was dann mit der Zeit zu chronischen Muskelverspannungen führt. Thomas Hanna nennt dies die  „muskuläre Amnesie“  und diese hat dann fatale Folgen für unseren Organismus.  Was geschieht nun aber bei einer muskulären Amnesie und der daraus resultierenden chronischen Muskelverspannung?  Wurde eine Bewegung und die damit verbundene Muskeltätigkeit beendet, so entspannt sich der dafür zuständige Muskel bzw. die ganze Muskelgruppe wieder. Die Spannung wird abgebaut und der Tonus liegt bei null Prozent. Er kann sich so entspannen und wieder regenerieren um für weitere Bewegungen zur Verfügung zu stehen.
Diese Pause ist notwendig, da in ihr das biochemische Potential wieder aufgebaut werden muss. Ist der Muskel nun dauerhaft verspannt, so wirkt sich dies negativ auf den Muskelstoffwechsel aus, was folgende Konsequenzen hat: Bei einer dauerhaften Restspannung von 10% Tonus (Anspannung) fühlt sich der Muskel bereits immer müde und fest an. Bei 20% Tonus fühlt sich der Muskel bereits müde, fest und schmerzempfindlich an. Bei 30–40% (und dies ist durchaus möglich und eher normal) fühlt sich der Muskel müde, hart und sehr schmerzhaft an.
Die Schmerzen kommen vor allem dadurch zustande, dass durch den gestörten Muskelstoffwechsel Milchsäure gebildet wird welche im Muskelgewebe zu Entzündungen führt. Und das tut weh!

Menschen mit diesem ständigen Muskeltonus haben oft auch das Gefühl, dass ihre Muskeln zu schwach sind, da sie diese nicht frei und vollständig bewegen können. Mit dem Gang ins Fitnessstudio versuchen sie dieses Problem dann zu lösen, was bei unserem Hintergrundwissen ja kaum von großem Erfolg gekrönt sein kann, ja die Situation sogar verschlimmern wird.

Dieser ständige Muskeltonus besteht im übrigen tatsächlich immer, auch in der Nacht, wenn wir schlafen. Unser überstrapazierter Muskel muss sozusagen 24 Stunden am Tag arbeiten.  Wie es aber zu dieser muskulären Amnesie kommt, auf welche Weise Sie sich manifestiert und vor allem was man dagegen tun kann werde ich ihnen in den nächsten Beiträgen erläutern.

Götz Schultheiß

Verwendete Literatur:
Beweglich sein ein Leben lang / Thomas Hanna / Kösel Verlag
Das Geheimnis gesunder Bewegung / Thomas Hanna / Junfermann Verlag
Körperarbeit/Zentralfurche / Deane Juhan / Knaur Verla
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