Homöopathie - ein Erklärungsversuch

Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit Ihrem Wagen auf der Autobahn und sehen plötzlich eine Kontroll-Lampe am Armaturenbrett aufleuchten. Wäre es nun angemessen, die Lampe zu überkleben oder gar zu entfernen?
Könnte man sich glauben machen, ein Problem auf diese Weise gelöst zu haben?

Wohl kaum.
Vielmehr sollte doch den Ursachen des Warnzeichens auf den Grund gegangen werden.

Übertragen wir das Beispiel auf den Menschen: Krankheitssymptome wie Warnlicht zeigen uns eigentlich nur, dass das „System Mensch“ oder das Techniksystem eine Störung haben.

Zugegeben, der Vergleich Mensch – Maschine hinkt immer und soll hier den Behandlungsansatz der Klassischen Homöopathie nach Hahnemann lediglich illustrieren.

Um eine Krankheit heilen oder behandeln zu können, muss sie zuerst erkannt und verstanden werden. Warum wurde ein Mensch krank? Gibt es eine Ursache oder eine Verflechtung verschiedener Ursachen?

Mitunter kann die Frage schnell und einfach beantwortet werden. Stehen z.B. physiologische Ursachen wie Einwirkung von Kälte, Nässe oder Schlafmangel im Vordergrund, so wird nicht lange zu rätseln sein und man kann schnell daran gehen, die Störung zu beheben.

Aber häufig liegen subtilere, weniger nachvollziehbare Zusammenhänge vor.
Durch Stress zum Beispiel, Ängste, Überlastung oder eine andere Reizung können sich Symptome wie Magenschmerzen, Stuhlverstopfung, Migräne oder auch eine allgemeine Infektanfälligkeit einstellen, die aber vom betroffenen Menschen häufig nicht mit seiner Lebenssituation in Verbindung gebracht werden.

Hier nun mit Antibiotika oder anderen unterdrückenden Medikamenten das Symptom wegzubehandeln, würde sich in nichts vom Entfernen des der Warnlampe aus unserem Vergleich unterscheiden.

Die Klassische Homöopathie versucht nun, einem solchen Konflikt auf den Grund zu gehen und führt dem kranken Organismus eine Arznei zu, die durch einen künstlich erzeugten Reiz die körperliche und vor allem auch seelische Selbstheilung anregt.

Erschlossen werden diese homöopathischen Arzneien durch „Versuche“, indem gesunden Menschen die Substanzen in hochverdünnter (potenzierter) Form so lange verabreicht werden, bis sich kurzfristig bestimmte Symptome einstellen.
Ein gesunder Mensch produziert zum Beispiel nach mehreren Gaben der Tollkirsche (Belladonna) bestimmte Symptome, wie Fieber, begleitet von Lichtempfindlichkeit, Halsschmerzen, Schweißabsonderungen und Unruhe. Diese Informationen wurden gesammelt und in einer Arzneimittellehre katalogisiert. Sie bilden einen Referenzkatalog auf Basis genau notierter Beobachtungen.

Findet ein Homöopath nun eben solche Symptome bei einem Kranken vor, verabreicht er das Medikament Belladonna in potenzierter Form und erzeugt damit eine zusätzliche „Kunstkrankheit“. Sie gibt dem Organismus einen deutlicheren Reiz, als die eigentliche Krankheit es vermag und regt ihn so zur Heilung an.

Das Mittel Belladonna wirkt nun aber nicht bei jedem fieberhaften Infekt, sondern nur dann, wenn alle Symptome der Belladonna-Symptomatik entsprechen.

Da sich fieberhafte Infekte bei jedem Menschen anders äußern können, brauchen unter Umständen zehn erkrankte Menschen zehn verschiedene homöopathische Arzneien.
Hier wird deutlich, wie wichtig es ist, ein sorgfältiges und ausführliches Patientengespräch zu führen, um sämtliche Aspekte der Erkrankung zu erfassen. Vor allem bei chronischen Krankheiten bedarf es großer Erfahrung, um unter der Vielzahl der homöopathischen Mittel das richtige zu finden und dann auch den Behandlungsverlauf korrekt zu begleiten.

Homöopatische Arzneien sind durchaus auch etwas für die Hausapotheke. Bei leichteren Erkrankungen akuter Art, wie z.B. Erkältungen, Ohrenschmerzen, leichten Verletzungen etc. können erfahrene Laien damit selbständig therapieren. Der verantwortungsbewusste Laie sollte aber unbedingt seine Grenzen erkennen und im Zweifelsfall rechtzeitig professionelle Hilfe bei Heilpraktiker oder Arzt suchen. Leichtsinn oder falscher Stolz sind hier fehl am Platz.

Natürlich gibt es auch Situationen, in denen der Homöopathie Grenzen gesetzt sind. Diese Grenzen wiederum kennt der verantwortungsvolle Heilpraktiker. In vielen Fällen aber kann sie – richtig angewendet – eine echte Chance sein, akute und chronische Krankheiten sanft, ohne Nebenwirkungen und ganzheitlich zu heilen.

Götz Schultheiß